Die Musketiere in Dumas' Fiktion
D'Artagnan
D’Artagnan tritt in Die drei Musketiere als kaum achtzehnjähriger Gascogner auf, arm an Geld, aber reich an Stolz, Mut und Ehrgeiz. Bereits seine Reise nach Paris ist geprägt von seinem impulsiven gascognischen Temperament: In Meung gerät er mit dem Comte de Rochefort wegen seines "Apfelsinengauls" aneinander und verliert seinen Brief an Tréville. Immer wieder lässt er sich durch Kränkungen zu unbedachten Handlungen hinreißen. Seine berühmte Verabredung zu gleich drei Duellen mit Athos, Porthos und Aramis am ersten Tag nach seiner Ankunft in Paris ist Ausdruck dieser Mischung aus Jähzorn, Naivität und kompromissloser Ehrvorstellung.
Doch schon in dieser frühen Phase zeigt sich, dass d’Artagnan weit mehr ist als ein bloßer Draufgänger. Seine spontane Allianz mit den drei Musketieren, mit denen er sich ursprünglich duellieren wollte, gegen die fünf Gardisten des Kardinals offenbart nicht nur seine Tapferkeit, sondern auch seine schnelle Auffassungsgabe und seinen Instinkt für günstige Gelegenheiten. Der Sieg über die zahlenmäßig überlegenen Gegner – und die schwere Verwundung Jussacs – markieren den Beginn seiner Freundschaft mit den drei Musketieren.
Im Gegensatz zu seinen drei Gefährten ist d’Artagnan von Anfang an stark zukunftsorientiert. Ruhm, Rang und Anerkennung sind für ihn keine abstrakten Ideale, sondern konkrete Ziele. Seine Intelligenz zeigt sich weniger in philosophischer Reflexion als in praktischer Klugheit: Er denkt voraus, improvisiert, nutzt Zufälle und scheut sich nicht, unkonventionelle oder riskante Lösungen zu wählen. Gerade diese Mischung aus Kühnheit und Berechnung macht ihn im Verlauf der Romane immer häufiger zum Initiator und Planer ihrer gemeinsamen Unternehmungen.
Mit zunehmendem Alter verliert d’Artagnan zwar einen Teil seiner jugendlichen Unbekümmertheit, nicht jedoch seine Energie. In Zwanzig Jahre danach ist er ernüchterter, realistischer und deutlich misstrauischer geworden, bleibt aber derjenige, der handelt, während andere zögern. Seine Erfindungsgabe, sein Mut und seine Bereitschaft, persönliche Risiken einzugehen, retten die Freunde wiederholt aus scheinbar aussichtslosen Situationen.
Beziehungen und Loyalität
Mit Athos verbindet ihn eine besonders tiefe Freundschaft. Athos ist für d’Artagnan moralische Autorität, Vorbild und Vertrauter zugleich. Schon früh vertraut Athos ihm Dinge an, die er sonst niemandem offenbart, und behandelt ihn mit einer Mischung aus väterlicher Strenge und stiller Zuneigung. Diese Bindung übersteht selbst die politischen Gegensätze in Zwanzig Jahre danach, als beide zeitweise auf verschiedenen Seiten stehen. Trotz aller Differenzen besteht ihre Freundschaft diese harte Probe und ist infolgedessen im Vicomte de Bragelonne umso tiefer. Gemeinsam setzen sie Karl II. von England wieder auf seinen Thron.
Zu Porthos und Aramis pflegt d’Artagnan eine weniger intime, aber nicht minder loyale Kameradschaft. Porthos schätzt an ihm vor allem Tatkraft und Entschlossenheit, während Aramis seine geistige Beweglichkeit und diplomatische Begabung anerkennt. D’Artagnan fungiert oft als Bindeglied zwischen den sehr unterschiedlichen Charakteren der drei Musketiere, organisiert, vermittelt und hält die Gruppe zusammen, wenn persönliche Interessen oder Ideale auseinanderzudriften drohen.
Seine Liebe zu Constance Bonacieux ist seine erste große Leidenschaft und zugleich ein Wendepunkt in seiner Entwicklung. Constances Tod trifft d’Artagnan schwer und wirkt lange nach: Er wird verschlossener, vorsichtiger in Gefühlsdingen und richtet seine Energie zunehmend auf Karriere und Pflicht.
Seine Loyalität gilt in erster Linie der Krone, jedoch weniger aus idealistischer Überzeugung als aus pragmatischem Pflichtgefühl und Ehrgeiz. Er dient Richelieu, Mazarin und schließlich Ludwig XIV., ohne sich jemals vollständig mit deren politischen Zielen zu identifizieren. D’Artagnan passt sich wechselnden Machtverhältnissen an, solange sie ihm Handlungsspielraum und Aufstiegsmöglichkeiten bieten. Dabei ist er bereit, Regeln zu beugen, Befehle kreativ auszulegen und Autoritäten offen herauszufordern – selbst den König –, wenn er darin einen Vorteil sieht. Diese flexible Loyalität unterscheidet ihn deutlich von Athos’ strenger Ehrenauffassung.
Abenteuer, Intrigen und politische Konflikte
D’Artagnans Laufbahn ist von Beginn an eng mit den großen politischen Konflikten seiner Zeit verwoben. In Die drei Musketiere gerät er wiederholt mit Kardinal Richelieu aneinander, wird in Intrigen verwickelt und steht mehrfach kurz vor einer Verhaftung. Dennoch erkennt Richelieu schnell seinen Wert: D’Artagnans Mut, Diskretion und Effizienz überzeugen selbst den mächtigen Minister, der ihn am Ende des ersten Romans zum Leutnant der Musketiere ernennt. Auch der König zeigt sich ihm gegenüber wohlwollend, nicht zuletzt auf Trévilles Fürsprache hin.
In Zwanzig Jahre danach ist d’Artagnan mitten in die Wirren der Fronde verstrickt. Hier zeigt sich seine Fähigkeit, zwischen politischen Lagern zu navigieren, ohne seine persönliche Integrität völlig aufzugeben. Er agiert als Soldat, Bote, Unterhändler und Stratege zugleich und beweist dabei eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit.
Im Vicomte de Bragelonne schließlich übernimmt d’Artagnan zunehmend verantwortungsvolle militärische und diplomatische Missionen. Er ist nun ein Mann des Systems geworden, ohne seine Unabhängigkeit vollständig zu verlieren. Seine Aufgaben verlangen Disziplin, Verschwiegenheit und Durchsetzungsvermögen – Eigenschaften, die er sich über Jahrzehnte angeeignet hat.
Militärischer Aufstieg und tragisches Ende
Die Ernennung zum Hauptmann der Musketiere im Vicomte de Bragelonne stellt die Erfüllung eines lebenslangen Traums dar. D’Artagnan hat diesen Rang nicht durch Herkunft oder Protektion erreicht, sondern durch unermüdlichen Dienst, Mut und Loyalität. Vier Jahre vor seinem Tod wird er in den Grafenstand erhoben – ein weiterer Beweis für den gesellschaftlichen Aufstieg, den der arme Gascogner zu Beginn kaum zu hoffen wagte.
Sein Tod bei der Belagerung von Maastricht bildet einen der eindrucksvollsten und bittersten Momente der gesamten Romanreihe. Tödlich verwundet, erfährt d’Artagnan im selben Augenblick von seiner Beförderung zum Marschall von Frankreich. Der höchste militärische Rang wird ihm im Moment seines Todes verliehen – ein Triumph, den er nicht mehr auskosten kann.