Die Musketiere in Dumas' Fiktion
Athos
In Die drei Musketiere erscheint Athos zunächst nur unter diesem Namen, ohne dass d'Artagnan oder der Leser seine wahre Herkunft kennen. Immer wieder wird angedeutet, dass ein dunkles Geheimnis über seiner Vergangenheit liegt, und erst am Ende des ersten Romans wird es vollständig gelüftet. Athos ist in Wahrheit ein hoher Adeliger, der sein Leben bei den Musketieren als eine Art selbstgewählte Verbannung führt. Diese Verwandlung – vom unbedeutenden, melancholischen Soldaten zum enttarnten Grafen mit tragischer Vergangenheit – ist ein zentrales Element seiner Figur.
Charakterlich verkörpert Athos den ruhigen, beherrschten und moralisch integren Typus unter den Musketieren. Er ist der Edelste der vier, mit unerschütterlichen Moralvorstellungen, die ihn mehr als einmal in Lebensgefahr und Schwierigkeiten bringen. Während Porthos eher prahlerisch und sinnlich veranlagt ist und Aramis sich vom Gelegenheits-Abbé zum Intriganten und Kirchenfürst entwickelt, steht Athos für Würde, Ehre und eine gewisse resignierte Weisheit. Für d'Artagnan nimmt er zunehmend die Rolle eines Mentors ein, der zwar selbst schwer gezeichnet ist, aber dem jüngeren Freund Orientierung und Maßstäbe vermittelt.
Hintergrund und verborgene Identität
Der Roman zeichnet Athos als geheimnisvollen Mann, der wenig über sich selbst preisgibt, sich gebildet und gewandt ausdrücken kann und sichtbar aus hochadeligen Kreisen stammt. Sein Verhalten, seine knappen, höflichen Formulierungen und seine Selbstsicherheit in Gesellschaft deuten früh darauf hin, dass er mehr ist als nur ein gewöhnlicher Soldat. Trotzdem schweigt er lange über Herkunft, Familie und frühere Ereignisse und lenkt Gespräche über seine Vergangenheit konsequent ab.
Im Versuch, vor seiner dunklen Vergangenheit zu fliehen, legte er seinen Namen und seinen Titel ab und kam nach Paris, um dort Musketier zu werden. Nach und nach wird enthüllt, dass Athos unter seinem Musketiernamen seine wahre Identität verbirgt: Er ist der Graf de la Fère, einst Herr eines eigenen Schlosses und eines bedeutenden Grundbesitzes. Dieses Leben hat er ganz bewusst hinter sich gelassen, nachdem eine Katastrophe sein Vertrauen in die Welt und in sich selbst erschüttert hat. Dumas entwickelt dieses Geheimnis langsam; die Enthüllung wird zu einem dramaturgischen Wendepunkt im Roman, der Athos' Verhalten rückwirkend verständlich macht.
Tragische Ehe mit Anne de Breuil (Mylady de Winter)
Das Zentrum von Athos' tragischer Lebensgeschichte ist seine Ehe mit seiner großen Liebe Anne de Breuil, der späteren Mylady de Winter und Hauptantagonistin der vier Freunde. In den ersten Jahren ihrer Ehe hielt er sie für ein nahezu ideales Wesen – unschuldig, anmutig, von adeligem Auftreten und mit einer Aura von Geheimnis, die ihn faszinierte. Seine Liebe war aufrichtig und leidenschaftlich, und er glaubte, in dieser Verbindung das Glück seines Lebens gefunden zu haben.
Dieses Glück zerbricht, als Athos bei einem Ausritt zufällig ein Brandmal in Form der fleur-de-lis an der Schulter seiner Frau entdeckt, das im Frankreich dieser Zeit als Kennzeichen für Verbrecher und Verurteilte diente. Daraus schließt er, dass seine Frau nicht nur eine dunkle Vergangenheit hat, sondern vermutlich auch unter falschem Namen in den Adel aufgestiegen ist. In seinem Ehrverständnis ist dieser Betrug nicht nur ein persönlicher Verrat, sondern auch eine Schande für seinen Stand und seine Familie.
In einem Moment der Verzweiflung und moralischen Empörung verhängt und vollstreckt Athos ein grausames Urteil: Er hängt seine Frau, überzeugt davon, dass sie dieses Schicksal durch ihre Taten verdient hat. Dieser versuchte Mord an ihr hat ihn zu dem verbitterten, frauenfeindlichen Mann gemacht, der er im ersten Roman ist. Die Tat verfolgt ihn fortan: Er lebt mit der Vorstellung, selbst zum Richter und Henker geworden zu sein. Diese Schuld verwandelt ihn in den melancholischen, desillusionierten Mann, den d'Artagnan später kennenlernt.
Seinen Kummer versucht er vergeblich mit Alkohol zu ertränken – selbst zwei Wochen in einem Weinkeller eingeschlossen lassen ihn nicht vergessen. Später stellt sich heraus, dass Anne de Breuil tatsächlich überlebt hat und nun die berüchtigte Mylady de Winter ist, eine Agentin des Kardinals Richelieu, die mit Intrigen, Verführung und Mord arbeitet.
Charakterzüge und Verhalten
Athos ist von Natur aus ruhig, kontrolliert und von einer gewissen aristokratischen Distanz. Er nimmt an Gesprächen weniger teil als Porthos oder Aramis, äußert sich aber, wenn nötig, präzise und mit Autorität. In gefährlichen Situationen wirkt er gefasst; sein Mut zeigt sich nicht in lauter Prahlerei, sondern in stiller Entschlossenheit.
Sein auffälligster Laster ist der Alkohol: Athos trinkt regelmäßig und ausdauernd. Dumas lässt ihn dabei zugleich als spannenden Erzähler und als Mann erscheinen, der im Rausch eine gewisse Freiheit findet, Dinge auszusprechen, die er nüchtern verschweigt. Trotz dieses Laster bleibt sein moralischer Kern erkennbar; er ist kein gewöhnlicher Trinker, sondern ein Gezeichneter, der Zuflucht im Wein sucht.
Athos hält sich, was persönlichen Ehrgeiz betrifft, eher zurück. Beförderungen, Reichtum oder höfische Gunst reizen ihn kaum; wichtig sind ihm Ehre, Loyalität und die Integrität der kleinen Gemeinschaft, die er mit seinen Freunden bildet. Athos hängt sehr an seinen Freunden und versucht vor allem in Zwanzig Jahre danach, d'Artagnan und Aramis, die ihre Freundschaft zeitweise vergessen zu haben scheinen, wieder miteinander auszusöhnen, was ihm in diesem Roman auch noch gelingt, im Vicomte de Bragelonne jedoch nicht mehr.
D'Artagnan gegenüber verhält er sich mehr und mehr wie ein älterer Freund oder geistiger Vater: Er warnt ihn vor Leichtsinn, gibt Ratschläge und versucht, ihn trotz seiner eigenen Bitterkeit nicht den Glauben an das Gute verlieren zu lassen.
Athos in Die drei Musketiere
In Die drei Musketiere wird Athos als ältester der vier Freunde präsentiert, dessen Urteil von den anderen respektiert wird. Er ist häufig derjenige, der bei spontanen Einfällen d'Artagnans oder Porthos' die Risiken nüchtern abwägt und zugleich bereit ist, diese dennoch in Kauf zu nehmen. Seine Führungsrolle zeigt sich vor allem in Krisensituationen, in denen er ruhig bleibt und strukturierte Entscheidungen trifft.
Ein prägnantes Beispiel ist die Episode der Reise nach England, um die Diamantenspangen der Königin zurückzuholen. Athos beweist hier organisatorisches Talent, strategisches Denken und Opferbereitschaft, etwa wenn er sein eigenes Leben einsetzt, um es d'Artagnan zu ermöglichen, den Auftrag zu erfüllen. Auch seine Fähigkeit, persönliche Gefühle zurückzustellen, tritt hervor: Obwohl ihn Mylady persönlich betrifft, ordnet er seine privaten Rachemotive letztlich dem Interesse der Gruppe und dem politischen Ziel unter.
Beim Umgang mit Mylady zeigt sich Athos' kalte Entschlossenheit: Er durchschaut schneller als die anderen ihre Gefährlichkeit und betrachtet sie als geradezu dämonische Gegnerin. Gleichwohl spürt man in seinen inneren Konflikten, dass es ihm schwerfällt, sie ausschließlich als Feindin zu sehen, da sie zugleich die Frau ist, die er einst geliebt hat.
Raoul de Bragelonne und die Vaterrolle
Dank der Verführungskünste der Herzogin von Chevreuse, die den vier Musketieren unter dem Namen Marie Michon mehrmals Kontakt zur Königin ermöglicht hat, hat Athos einen Sohn, den er Raoul nennt und an dem er sehr hängt. Die Liebe zu Raoul hilft ihm endlich, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen, seinen alten, adligen Namen wieder anzunehmen und in Frieden zu leben.
Raoul bringt eine neue Dimension in Athos' Leben: Die Rolle als Vater ermöglicht ihm, Fürsorge, Zärtlichkeit und Verantwortungsbewusstsein auszuleben, die in seinem früheren Leben kaum Platz fanden. Er widmet einen großen Teil seiner Energie der Erziehung Raouls und hofft, dass dieser durch eine gute Ehe und eine solide Stellung am Hof ein glücklicheres Schicksal haben wird als er selbst.
Athos erkennt früh die Gefahr, die von Raouls naiver, aber tiefer Liebe zu der fünf Jahre jüngeren Louise de La Vallière ausgeht, bringt es aber nicht über sich, seinem Sohn den Umgang mit ihr zu verbieten. Diese unerwiderte Liebe – Louise liebt Ludwig XIV. und wird dessen Mätresse – wird zur Quelle großen Leids für Raoul und schließlich auch für Athos selbst.
Athos in Zwanzig Jahre danach
In der Fortsetzung Zwanzig Jahre danach ist Athos gereifter und in gewisser Weise milder geworden, ohne dass seine Melancholie verschwunden wäre. Er lebt zurückgezogen auf seinem Landgut und widmet sich intensiv der Erziehung Raouls.
Politisch wird Athos erneut aktiv, als die Wirren der Fronde Frankreich erschüttern. Er neigt dazu, eine Position einzunehmen, die Adelstradition, persönliche Ehre und eine gewisse Skepsis gegenüber absoluter königlicher Macht miteinander verbindet. Seine Teilnahme an der Mission zur Rettung des englischen Königs Karl I. zeigt seine Bereitschaft, für Prinzipien einzutreten, selbst wenn die Chancen von vornherein schlecht stehen.
In diesem Roman trifft Athos auf Mordaunt, den Sohn Myladys, der von unbändigem Hass auf diejenigen getrieben wird, die seine Mutter töten ließen. Athos empfindet ihm gegenüber ambivalente Gefühle: Er erkennt in Mordaunt das Opfer seiner eigenen früheren Tat, zugleich aber auch einen extrem gefährlichen Fanatiker. Schließlich kommt es zu einem letzten, verzweifelten Kampf, bei dem Athos sich gezwungen sieht, Mordaunt zu töten, um das Leben seiner Freunde zu retten – ein weiterer Akt, der seine Gewissensnot vertieft.
Athos in Der Vicomte von Bragelonne
Im dritten Teil der Trilogie ist Athos ein älterer Mann, dessen Leben zunehmend von der Sorge um die Zukunft seines Sohnes Raoul geprägt wird. Als der König Louise de La Vallière, Raouls Jugendliebe, verführt und sie sich von dem jungen Mann abwendet, empfindet Athos dies nicht nur als persönliche Kränkung, sondern als fundamentale Verletzung von Ehre und Gerechtigkeit.
Seine unerschütterlichen Moralvorstellungen führen schließlich so weit, dass er sogar seinem König den Gehorsam aufkündigt, als dieser seinem Begriff von Ehre nicht mehr entspricht. Er scheut sich nicht, Ludwig XIV. die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, auch wenn er weiß, dass er damit sein eigenes Leben und das seines Sohnes aufs Spiel setzt. Dieser Mut, den König offen zu tadeln, führt dazu, dass Ludwig XIV. ihn von d'Artagnan verhaften und in die Bastille bringen lässt. Sein strenger Ehrbegriff lässt ihn in diesem Zusammenhang sogar d'Artagnans Angebot, ihm zur Flucht zu verhelfen, ausschlagen – im festen Vertrauen darauf, dass der König schon einsehen wird, dass er unrecht gehandelt hat. Das tut Ludwig XIV. schließlich auch und lässt ihn wieder frei, jedoch erst, nachdem d'Artagnan im wahrsten Sinne des Wortes mit ihm geschimpft hat.
Doch die Ereignisse nehmen für Athos keinen guten Verlauf. Raoul, verzweifelt über seine verlorene Liebe, geht in den Krieg und sucht den Tod auf dem Schlachtfeld in Algerien. Für Athos ist dieser Verlust der endgültige Bruchpunkt: Der Tod des Sohnes raubt ihm sowohl seine Hoffnung als auch den letzten Sinn, den er in seinem Leben sah. Er stirbt im selben Moment wie sein Sohn. Dumas schildert, wie er körperlich und seelisch immer schwächer wird und sich dem Tod beinahe freiwillig überlässt. Die Verbindung zwischen seinem inneren Zustand und seinem physischen Verfall unterstreicht den romantischen Charakter dieser Figur, deren Leben von Anfang an von tragischen Entscheidungen und unüberwindlicher Schuld geprägt war.
Sein Tod ist ruhig, beinahe feierlich: Athos stirbt, wie er gelebt hat – in Würde, mit einem letzten Gedanken an Raoul und an seine Freunde. Für d'Artagnan und die anderen überlebenden Musketiere markiert sein Ende das Ausklingen einer ganzen Epoche, in der Ehre, Freundschaft und persönliche Tapferkeit noch die Haupthandlungskräfte waren. Athos bleibt als idealisierter, aber tief gebrochener Edelmann im Gedächtnis der Leser und bildet einen emotionalen Gegenpol zu d'Artagnans energischer Aufstiegs- und Soldatengeschichte.
Name, Vorname und mögliche Vorbilder
Seinen Vornamen „Olivier", den man in allen drei Romanen nicht erfährt, verrät Dumas in seinem Drama La Jeunesse des Mousquetaires, in dessen Prolog Athos' Vergangenheit, seine Liebe zu Milady und sein Heiratsantrag dargestellt werden. In dieser Szene spricht die junge Frau, die später als Mylady de Winter bekannt wird und damals noch Charlotte heißt, Athos mit „Olivier" an.
Wie bei anderen Musketierfiguren gibt es Hinweise darauf, dass Dumas sich von historischen Personen inspirieren ließ. Für Athos wird häufig ein historischer Musketier namens Armand d'Athos genannt, der tatsächlich im 17. Jahrhundert lebte und im Umfeld der königlichen Musketiere stand. Dumas hat jedoch aus diesen Anregungen eine frei gestaltete, literarische Figur geschaffen, deren Biografie sich deutlich von bekannten historischen Daten löst und deren Wirkung vor allem in der romanhaften Überhöhung liegt.
Athos als literarische Gestalt
Athos ist im Gesamtgefüge von Dumas' Musketier-Romanen eine Figur, durch die Themen wie Schuld, Sühne, Ehre und Vater-Sohn-Beziehungen besonders stark hervortreten. Sein tragischer Hintergrund, sein ständiger Kampf mit der eigenen Vergangenheit und seine Rolle als Vater Raouls machen ihn zu einer von Dumas' komplexeren Figuren.
Seine Präsenz verleiht den ansonsten sehr dynamischen, actionreichen Geschichten eine tiefere, melancholische Note. Athos verkörpert den „verlorenen Edelmann", der zwar unter den Bedingungen seiner Zeit handelt, zugleich aber immer wieder an moralische Grenzen stößt und daran zerbricht. Gerade in der Spannung zwischen seiner unerschütterlichen Loyalität zu Freunden und Prinzipien und dem Bewusstsein eigenen Versagens liegt der Reiz seiner Figur.