Die Musketiere in Dumas' Fiktion
Aramis
Aramis ist ein zutiefst zwiespältiger Charakter. Sein ganzes Leben lang schwankt er zwischen dem Dasein als Musketier und dem eines Geistlichen, ohne sich jemals vollständig für eine Seite entscheiden zu können – meist lebt er beides gleichzeitig. Er liebt Frauen und führt ein abenteuerliches, kriegerisches Leben, bereut dies jedoch in regelmäßigen Abständen – besonders dann, wenn ihn eine seiner Geliebten vernachlässigt oder ihm das Geld ausgeht – und gibt sich der Buße und Selbstkasteiung hin. Diese Ambivalenz prägt sein gesamtes Wesen: Als Musketier sehnt er sich nach dem Leben eines Abbés, als Geistlicher hingegen nach dem des Soldaten.
Seine religiöse Laufbahn begann bereits in jungen Jahren, als er zum Priesteramt ausgebildet wurde. Ein Vorfall änderte jedoch seinen Lebensweg dramatisch: Man ertappte ihn beim Vorlesen für eine junge verheiratete Frau, woraufhin er aus ihrem Haus geworfen wurde. Ob das Vorlesen in unschuldiger Absicht geschah oder nicht, bleibt offen. Ein Jahr lang studierte er danach intensiv die Fechtkunst beim besten Degenfechter der Stadt, um sich für die Kränkung zu rächen. Als er seinen Widersacher schließlich zum Duell fordert, tötet er ihn fast augenblicklich dank seiner neu erworbenen Fähigkeiten. Da Duelle durch königliches Edikt verboten waren und Aramis noch Novize war, musste er im Anschluss untertauchen. Er tritt unter dem angenommenen Namen "Aramis" bei den königlichen Musketieren ein, wo er Athos, Porthos und später d'Artagnan kennenlernt.
Dumas charakterisiert Aramis als einen Mann, der wenig Aufhebens macht, dafür aber viel zuwege bringt – eine Eigenschaft, die sich an vielen Stellen der Romane zeigt. Er ist gebildet, feinsinnig und außerordentlich hübsch, dichtet gern und studiert in seiner Freizeit Theologie. Seine machiavellistische Planungsgabe und seine Kühnheit führen ihn zu großen Erfolgen, wobei er jeden Sieg als Stufe auf dem Weg zu noch größerer Macht betrachtet. Schließlich wird er zum Generaloberst der Jesuiten ernannt – eine Position, die ihm am Ende des Vicomte de Bragelonne das Leben rettet, nachdem Nicolas Fouquet ihn verraten hat.
Trotz seines rücksichtslosen persönlichen Ehrgeizes ist Aramis ein außerordentlich loyaler Freund. Seinen einzigen Fehler macht er, als er es ablehnt, seinen Freunden zu schaden oder sie zu kränken. In Zwanzig Jahre danach folgt er Athos' Bitte, dem Schurken Mordaunt das Leben zu schenken, und im Vicomte de Bragelonne verzichtet er darauf, d'Artagnan daran zu hindern, die Wahrheit über die Vorgänge auf Belle-Île-en-Mer herauszufinden. Aramis vertraut seinem Freund Porthos sogar die wahre Identität des Mannes mit der eisernen Maske an, obwohl er befürchtet, dass dies dazu führen könnte, dass Porthos ihn tötet. Die Freundschaft hat für Aramis einen so hohen Stellenwert, dass am Ende des Vicomte de Bragelonne angedeutet wird, er weine zum ersten und einzigen Mal in seinem Leben – nachdem er den Porthos' Tod verursacht hat.
Politische Intrigen und amouröse Verwicklungen
Aramis' politische Machenschaften sind eng mit seinen amourösen Verwicklungen verknüpft, da Dumas ihn als Liebhaber politisch einflussreicher Frauen seiner Zeit darstellt. Um 1627 in Die drei Musketiere ist er der Geliebte der Herzogin von Chevreuse, der Vertrauten der Königin. In Zwanzig Jahre danach unterhält er eine Liaison mit der Herzogin von Longueville, und es wird angedeutet, dass er der Vater ihres Sohnes ist.
Während der Regentschaft Anna von Österreichs steht er mit Athos auf der Seite der Fronde, die gegen Mazarin kämpft. Anders als Athos verfolgt er dabei jedoch keine selbstlosen (und illusorischen) Ziele, sondern arbeitet – wie vermutlich die meisten Mitglieder der Fronde – in die eigene Tasche. Gemeinsam mit Athos wird er von König Karl I. für seine Dienste zum Ritter des Hosenbandordens geschlagen.
Zerfall der Freundschaft
In Zwanzig Jahre danach stehen die vier Freunde in entgegengesetzten Lagern, doch Athos beschwört ihre Freundschaft noch einmal, und in der zweiten Hälfte des Romans raufen sie sich wieder zusammen und kämpfen auf einer Seite. Zwischen Aramis und d'Artagnan entsteht jedoch spätestens im Vicomte de Bragelonne eine echte Feindschaft. Die beiden begegnen sich distanziert und misstrauisch, aber immer noch unter dem Deckmantel der früheren Freundschaft. Als Aramis durch seine Konspirationen in ernsthafte Schwierigkeiten gerät, versucht d'Artagnan zwar noch einmal, ihm zu helfen – vermutlich jedoch vor allem aus Zuneigung zu Porthos, der von Aramis in die unglückliche Situation gebracht wurde.
Im Vicomte de Bragelonne plant Aramis in seiner neuen Funktion als Generaloberst der Jesuiten eine Intrige: Er will den verantwortungslosen König durch dessen Zwillingsbruder austauschen. Hierzu sichert er sich die Mithilfe von Porthos und dem Finanzminister Fouquet, der jedoch im entscheidenden Moment versagt und den Plan zunichtemacht. Nach dem Scheitern seiner Pläne muss Aramis nach Spanien fliehen, wo er diplomatische Funktionen übernimmt. Jahre später wird er von Ludwig XIV. begnadigt und kann nach Frankreich zurückkehren.
Im Gegensatz zu den anderen Musketieren wird Aramis zweimal mit seinem Vornamen René angesprochen. In Zwanzig Jahre danach ist er als Jesuit unter dem Namen Abbé d'Herblay oder Chevalier d'Herblay bekannt. Im Vicomte de Bragelonne trägt er den Titel Bischof von Vannes, den ihm Nicolas Fouquet verliehen hat, und wird später Generaloberst der Jesuiten. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil tritt er als spanischer Adliger und Botschafter unter dem Namen Herzog von Alameda auf.
Der letzte Überlebende
Aramis ist der einzige der vier Freunde, der am Ende des letzten Romans noch lebt – er war schon immer jemand, der sich an Situationen anpassen und sie für sich nutzen konnte. Bezeichnend sind d'Artagnans letzte Worte vor seinem Tod: Mit Athos und Porthos, die bereits vor ihm gestorben sind, erhofft er sich ein Wiedersehen auf der anderen Seite, Aramis jedoch gibt er verloren ("Aramis, auf ewig Adieu"). Dies liegt sicher nicht nur daran, dass Aramis ihn überlebt hat, sondern auch an der tiefen Entfremdung zwischen den beiden ehemaligen Freunden.